Prolog

Prolog

Sie lachten. Alle vier lachten sie. Trieben Ruth vor sich her, die schluchzte und stolperte, aber sonst keinen Laut von sich gab. „Hey, wolltest du nicht immer schon mal fliegen? Gleich kannst Du fliegen!“ und sie lachten noch lauter. Ruth hatte Angst. Sie zitterte. Das schien die vier nicht zu beeindrucken, nichts schien sie zu beeindrucken. Sie tranken aus einer Flasche, jeder ein paar Schlucke, dann lachten sie wieder, sprangen, als tanzten sie, und zogen an ihren selbstgedrehten Zigaretten. „Ruuhuuut!! Ruuuuhtiiii“ schrie der älteste, vor dem sie die meiste Angst hatte, „gleich zeigst du uns, wie du fliegen kannst!“ Und dabei lachten sie wieder, als wären sie betrunken.

Ruth kannte das, wenn ihr Vater betrunken war, und das war er oft, dann lachte er auch so. Sie musste sich dann um die Schweine kümmern, weil er kaum noch aus dem Sessel kam. Sie arbeitete gerne im Stall, die Tiere waren anders als die Menschen. Sie wurde so oft gehänselt. Bei den Tieren hatte sie Ruhe. Wenn der Spaß hier vorbei war, dann würde sie wieder in den Stall gehen. Irgendwann lassen sie nach, das war immer so. Wenn sie ihren Spaß gehabt hatten, dann hörten sie auf. Schubsten sie noch ein wenig hin und her und liefen dann nach Hause. Zu ihren betuchten Familien, wie ihr Vater sie immer abfällig nannte, in eine Welt, die Ruth nicht verstand. Sie gehörte auf den Bauernhof. Zu den Tieren. Dort fühlte sie sich wohl.

Ruth stolperte vorwärts, die lachende Meute hinter ihr her. Sie wusste, wo sie gleich war, am Steinbruch. Sie wollte nach Hause. Wollte zu ihren Schweinen und endlich Ruhe haben. „Ich will nach Hause“, heulte sie „bitte lasst mich nach Hause gehen!“ „Du fliegst nach Hause!“ sagte einer von ihnen, „Ruhtiiii, du fliegst nach Hause“ und sprang hin und her, als wolle er einen Tanz aufführen. Die anderen taten es ihm gleich, erneut kreiste die Flasche und dann drehten sie sich zu ihr. Der Rand des Steinbruchs kam immer näher.

„Flieg! Flieg!“ schrieen sie, „Du kannst fliegen! Ruth kann fliegen“ Immer wieder „Ruth kann fliegen! Ruth kann fliegen“ sie hörten nicht auf, kamen näher und Ruth sehnte sich nach ihren Schweinen, sie sollten endlich aufhören, sie gehen lassen, sie wollte nach Hause in den Stall, endlich Ruhe haben. Hört auf! Hört auf! Ihre Gedanken kreisten. ‚Ich will nach Hause’ war das einzige, was sie dachte, immer und immer wieder ‚ich will nach Hause’. Ihre Schreie kamen immer näher, sie hatte Angst, wollte nach Hause, endlich nach Hause. ‚Lasst mich doch gehen’ war das letzte, was sie dachte, bevor sie versuchte zu fliegen.

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Der erste Mord

Der erste Fall: In Mettmann wird ein Lehrer ermordet, er unterrichtete am Gymnasium in der Innenstadt, doch ermordet wurde er in der Aula im Stadtteil Metzkausen. Wobei Stadtteil… naja, die Metzkausener sehen sich weniger als Stadtteil, aber das ist ein anderes Thema.

Doch egal wo, Mord bleibt Mord und dieser wird nicht der einzige bleiben.

Und wie immer im Leben, gibt es ein Vorher. Und das hier, das ist der Anfang, da, wo es losging, früher, als noch niemand an Mord dachte:

Der Körper hörte auf zu zucken. Der Kopf mit dem Gesicht, das keins mehr war, lag nun ebenso reglos wie der Rest auf dem breiten Gang zwischen den Sitzreihen. Es war endlich vorbei. Der letzte Schlag war getan. Er hatte die Schleife auf das zerschlagene Gesicht gelegt. Nun konnte er sich zurück ziehen. Es war kein schöner Anblick gewesen, er hatte sich bei jedem Schlag geekelt. Er sollte endlich verschwinden. Doch er blieb noch stehen. Betrachtete ruhig die Szene. Durch die fast ganz herunter gedimmten Deckenleuchten der großen Aula wie in Nebel gehüllt. „Ich muss jetzt gehen“, flüsterte er „es gibt nichts mehr zu tun.“

Er hielt noch immer die Schlagwaffe in der Hand. Überall war Blut. Er ging ein paar Schritte, sofort war eine weitere Blutspur zu sehen. Ihm fiel die Plastiktüte in der Manteltasche ein. Er steckte die Schlagwaffe notdürftig hinein, wickelte sie ein und ging leise rückwärts Richtung Saaltüre, achtete vorsichtig darauf nicht in Blut zu treten um nicht noch mehr Spuren zu hinterlassen. In der Türe blickte er auf, holte seine hochempfindliche kleine Digitalkamera aus der anderen Manteltasche, zoomte die Schleife ganz nah heran, machte zwei Fotos, drehte sich um und verschwand.

Er war sicher, dass ihn niemand gesehen hat. Weder ihn noch den anderen, der dort zerschlagen auf dem Boden lag. Und der hatte ihn auch nicht gesehen. Würde er noch leben, könnte er nicht sagen, wer ihn so übel zugerichtet hat. Aber er war tot und so spielte das alles keine Rolle mehr.